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Okt 29
Sputnika - Interview

Für eine Fachzeitschrift aus Dresden bin ich um ein Interview gebeten worden. 

  • Was ist Ihnen im Leben wichtig?
    (Lachend:) O je – geht es nicht zum Anfang etwas kleiner? Also gut – was ist mir wichtig? Meine wunderbare Frau, die gleichzeitig Freundin, Geliebte, Kritikerin und die Mutter unserer drei Kinder ist. Diese drei Kinder sind mir wichtig, dann meine Kunden, meine Freunde, mein Glaube – mein Haus, mein Auto, mein Boot? Nein – bestimmt nicht! Ich bin jetzt 56 Jahre alt, und je älter ich werde, desto wertvoller sind mir Beziehungen. Das meint sowohl eine gute Beziehung zu mir selbst: Ich will mir selbst treu bleiben und mich weiter entwickeln. Das meint natürlich auch gute Beziehungen zu mir wichtigen anderen Menschen: ich will für sie glaubwürdig sein und ihr Vertrauen rechtfertigen. Der große Michelangelo wurde einmal gefragt, wie er es denn schaffe, aus einem Marmorblock einen Löwen zu hauen, und seine Antwort war: „Es ist ganz einfach. Ich muss vom Marmorblock nur all das wegnehmen, was kein Löwe ist!" Wenn ich das auf mein Leben übertrage, dann heißt das: es kann in meinem Leben vieles verschwinden, was „nicht Matthias" ist, wenn dadurch in mir das Gestalt findet, was in mir angelegt und mit mir gemeint ist.

  • Was verbindet Sie mit Dresden?
    Meine Frau und ich haben als Studenten vor vielen Jahren Freunde im Erzgebirge besucht, als Deutschland noch geteilt war in West- und Ostdeutschland. Auf dem Rückweg haben wir – nicht ganz legal, aber unerkannt – in Dresden das Auto geparkt und sind in der Stadt herumgeschlendert, haben die Reste der Frauenkirche bestaunt und die gerade neu erbaute Semperoper bewundert. Inzwischen ist die Frauenkirche wieder aufgebaut und wir haben schon Mozart in der Semperoper gehört – ein Genuss! Wir haben also eine quasi biographische Verbindung mit Dresden. Darüber hinaus ist eine erfolgreiche Dresdner Agentur seit Jahren Kunde von mir und inzwischen sind neben geschäftlichen Kontakten auch belastbare private Beziehungen entstanden. Wir haben gemeinsam den Aufstieg von Dynamo Dresden in die 2. Bundesliga (gegen Osnabrück) miterlebt und gefeiert, den Untergang des Karlsruher Sportklubs in Dresden hautnah miterlebt und die Revanche des KSC in Karlsruhe im Stadion verfolgt. Es gibt also auch berufliche Verbindungen nach Dresden. Und unsere Tochter Debora studiert im 3. Semester Psychologie in Dresden. „Ich laufe durch die Stadt", sagte sie einmal zu uns, „und ich freue mich und bin stolz, hier studieren und leben zu dürfen!" Wie schön, dass es unserer Tochter in Dresden so gut gefällt.

 

  • Wann (Erlebnis im Leben?), warum (was verbinden Sie mit der Unternehmensgründung?) und wozu (was wollen Sie bei Unternehmen und Workshopteilnehmenden erreichen?) haben Sie den Entschluss gefasst, Ihr eigenes Unternehmen zu gründen?
    Als mein Arbeitgeber Nixdorf Computer AG in Paderborn (kennt den noch jemand?) 1990 aufgekauft wurde, bin ich von einem Konzern mit 35.000 Mitarbeitern zu einem kleinen Software-Haus in Nordbaden gewechselt. Sie suchten dort einen Projektmanager für ein riskantes und schon arg in Verzug geratenes Großprojekt. „Was willst du denn bei so einem kleinen Laden?", haben mich meine Kollegen gefragt, „Du gehörst doch in einen Konzern!" Etwas vorlaut habe ich damals geantwortet: „Wer weiß – vielleicht werden die ja auch einmal groß!" Das Software-Haus hieß SAP und das Projekt R/3 und die Erfolgsgeschichte der SAP mit heute über 55.000 Mitarbeitern ist manchen bekannt. Nach fast 20 erfolgreichen Jahren SAP hatte meine Frage, ob ich das noch bis zur Rente machen wolle, keine eindeutige Antwort und so habe ich mich nach Alternativen umgeschaut. Ich lernte Menschen kennen, die ein paar Jahre vor mir ihren Konzern verlassen hatten und von ihren Erfahrungen habe ich profitiert. Ich wollte gerne etwas tun, was mehr Selbstbestimmung erlaubte, was mich noch einmal ganz neu herausfordert und wo andere Menschen von meiner Erfahrung profitieren können. „smart choice" habe ich mein kleines Unternehmen genannt, weil ich Menschen dabei unterstützen will, eine „smart choice", eine kluge Entscheidung zu treffen. Und welche Entscheidungen sind klug? Die Entscheidungen, die wir auch im Abstand von fünf Jahren noch für richtig halten. War es eine „smart choice", die SAP zu verlassen und sich selbständig zu machen? Aus heutiger Sicht und mit sieben Jahren Abstand gesehen: aus ganzem Herzen ein Ja! War es immer einfach? Nein – aber wer sagt, dass einfach auch gut sein muss?
  • Was ist Ihnen in Ihrer heutigen Tätigkeit wichtig?
    Drei Dinge sind mir wichtig (die der Mann ja angeblich sowieso braucht :-). Erstens will ich selber etwas lernen, etwas verstehen, etwas Neues entdecken. Das geht nirgendwo so gut wie im Kontakt mit erstklassigen Kunden und Kollegen. Zweitens möchte ich genau solche erstklassigen Menschen kennen lernen, von denen ich noch etwas lernen kann, weil sie ihr Geschäft ausgezeichnet verstehen und weil sie ihren Kunden nutzen zu stiften verstehen. Und drittens möchte ich selber Nutzen stiften. Nicht als Besserwisser oder gar als Guru, sondern als Mitdenker, als Nachfrager, als gleichzeitig wohlwollender und kritischer Begleiter. Ich glaube, dass meine Kunden die Klarheit zu schätzen wissen, die sie in der Zusammenarbeit mit mir gewinnen – auch wenn es manchmal eine schmerzliche Klarheit sein kann.
     
  • Was wollen Sie in den Workshops erreichen?
    Projektmanagement ist eine Führungskonzeption. Leider denken viele, dass Projektmanagement derjenige beherrscht, der die entsprechende Software beherrscht. Aber das stimmt nicht. Wer die Schreibmaschine von Mr. Hemingway besitzt, schreibt deswegen ja auch nicht automatisch großartige Romane. Führung heißt, dass andere mir folgen. Bei Projekten ist das besonders heikel, weil sie einmalig, interdisziplinär, riskant und unsicher sind. Es ist, als führe man im Dunkeln und bei Nebel. Das ist eine Kunst, die andere Herausforderungen bietet als der sonnenklare Sonntagsausflug. Und ich meine, dass es in unserer modernen Welt des 21. Jahrhunderts immer mehr „Nebel" gibt: Vieles wird unsicher, was früher als sicher galt und Werte wie „Vertrauen" und „kaufmännisches Ehrenwort" werden im Harvard Business Review wieder bedacht und erläutert. Ich möchte erreichen, dass Teilnehmer sich des „Nebels" ihres eigenen Projektumfeld bewusst werden – und vielleicht ist es ja auch der „Nebel" beim eigenen Kunden? Und ich möchte, dass Teilnehmer nicht warten müssen, bis sich der Nebel verzogen hat, sondern vorsichtig und gelassen ihre Richtung finden für den nächsten Wegabschnitt. Eine Teilnehmerin schrieb mir einmal fast ein Jahr nach einem Workshop: „Ich denke fast jeden Tag an irgendetwas, über das ich in Ihrem Workshop nachgedacht habe. Und für vieles habe ich jetzt einen Blick, was ich vorher übersehen und ignoriert habe. Ich bin heute gleichzeitig mutiger und gelassener – und ich lerne jeden Tag dazu!"

  • Was zeichnet Sie in Ihrer Arbeit aus? Wie gehen Sie vor?
    Das ist eine gute Frage, die meine Kunden vermutlich besser beantworten können als ich. Jemand hat einmal gesagt: „Dummheit ist, immer dasselbe zu machen und dann zu erwarten, dass etwas anderes dabei herauskommt!" Ich möchte nicht gerne dumm sein – obwohl ich es sicher oft genug bin! Also schaue ich nach Alternativen, nach dem „Undenkbaren", nach möglichen Auswegen, die nicht unbedingt auf der Hand liegen. „Was müsste passieren, damit es noch schlimmer wird?" ist dazu eine gute Frage. Ich mag, so merkwürdig das klingt, Krisen, denn im Wort Krise steckt das Wort Kritik. Krisen sind „Kritik am Status Quo", und vieles ist ja wirklich zu kritisieren. Welche Kritik ist berechtigt? Welche Krise muss durchlebt werden, um zu reifen und weniger dumm zu werden? Und ich glaube, dass es immer eine Geschichte hinter der Geschichte gibt, die zu hören sich lohnt, und dass der erste Anschein genau das ist und nicht mehr: der erste Anschein. Aber Sie merken es schon – über die eigene Arbeitsweise lässt sich wenig sagen, ohne dass es banal klingt. Was mich auszeichnet ist vielleicht wirklich eine unbändige Neugier und ein tiefes Bedürfnis nach Klarheit und Wahrhaftigkeit.


Okt 29
smart choice - kluge Entscheidung

Wann sind Entscheidungen denn wirklich "klug"? Wer wird denn dumme Entscheidungen treffen? Niemand wird eine Entscheidung treffen, die er für dumm hält, denn dann hätte er/sie sie nicht getroffen. Aber darum ist die Entscheidung noch nicht klug,oder? 

Ob eine Entscheidung klug ist oder nicht, erweist sich erst in der Zukunft. Erst mit dem Abstand von einigen Jahren lässt sich sagen, ob es wirklich klug war, die Wahl so getroffen zu haben. Und manchmal ändern wir die Deutung ja im Rückblick auch. 

Ein Beispiel: vor vielen Jahren verlässt mich meine damalige Freundin. Damals habe ich ihre Entscheidung für verkehrt gehalten, und erst jetzt mit dem Abstand von über 30 Jahren kann ich erkennen, dass sie damals etwas erkannt hat, was ich nicht zu sehen bereit war: das wir uns mehr im Weg gestanden als auf einem gemeinsamen Weg begleitet haben. Und ohne ihre Entscheidung damals hätte ich nicht die wunderbare Frau getroffen, die seitdem mit mir gemeinsam unterwegs ist und die so die Mutter unserer drei Kinder wurde. 

Was ist nun klug? Was ist dumm? So richtig werden wir es wohl nie wissen, und das ist auch gut so. Denn wenn wir es wüssten, dann wäre es ja sehr einfach und ein bisschen langweilig, oder?